Bildcollage. Ein Teller mit buntem, feinsäuberlich geordnetem Essen: Möhren, Tomaten, Brokkoli, Trauben, Brot, Käse – jeweils zusammen und in den Kategorien (Gemüse, Früchte, Milchprodukte). Der weisse Teller steht auf einem Grünkarierten Tischtuch. Oben rechts steht: Sommerserie Nummer 1.

Da liegt der Ursprung

Der Ursprung des Sprichworts «Das Auge isst mit» lässt sich bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen.  In seinem Werk «Versuch über den Geschmack» von 1755 betonte Johann Georg Sulzer, dass Speisen nicht nur dem Gaumen, sondern auch dem Auge gefallen sollten. Diese frühe Erkenntnis bildet die Grundlage für eine bis heute gültige Regel in der Gastronomie: Die visuelle Gestaltung eines Gerichts beeinflusst massgeblich, wie es uns schmeckt.

Laut dem Food Plating, einer Disziplin an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft, beginnt eine gute Komposition des Essens für unser Auge mit der Farbvielfalt – kontrastreiche Farben wie das Grün von frischem Gemüse, das leuchtende Orange einer Karotte oder das tiefe Rot von Beeren machen ein Gericht lebendig. Auch die Anordnung spielt eine wichtige Rolle: Asymmetrie, ein klarer Fokuspunkt und freie Flächen auf dem Teller schaffen Ruhe und Eleganz und lassen ein Gericht raffiniert wirken. Verschiedene Texturen – knusprig, cremig, zart – machen das Gericht nicht nur haptisch interessant, sondern auch optisch ansprechend. So wird das Essen zu einem Gesamterlebnis, bei dem das Auge den ersten Bissen nimmt. Doch wie ist das für Menschen, die das Essen nicht sehen?

Wir haben nachgefragt

«Essen ist eine anspruchsvolle Geschichte für jemanden Blindes», sagt Jacqueline Egger, die vor 20 Jahren das Augenlicht verlor. Die Redewendung «Das Auge isst mit» empfindet sie dennoch als zutreffend, denn für sehende Menschen sei der visuelle Eindruck eines Gerichts ein entscheidender Teil des Genusses. Man schaue auf den Teller, nehme die Farben und Formen wahr und treffe bewusste Entscheidungen: Will ich lieber zuerst vom Fleisch, vom Reis oder vom Gemüse probieren? Diese visuelle Orientierung fehlt ihr – und dadurch werde Essen oft zu einem schwierigen Akt. 

Die Problematik beginnt nicht nur bei der Frage, was man isst, sondern wie: «Dass du die Dinge auf dem Teller erwischst, dass du sie schneiden kannst und sie dir nicht von der Gabel herunterfallen – das ist anspruchsvoll und manchmal auch mühsam.» Der Genuss trete dadurch oft in den Hintergrund. 

Deshalb bevorzugt Jacqueline Egger Speisen, die bereits mundgerecht zubereitet sind, wie in asiatischen oder insbesondere indischen Restaurants. Dort kann sie sich mehr auf den Geschmack konzentrieren. Auch die soziale Komponente spiele eine Rolle – denn beim Essen in Gesellschaft stehe man als blinder Mensch oft im Fokus der Aufmerksamkeit. Da helfe es, wenn das Essen unkompliziert sei, sodass kein zusätzlicher Druck entstehe. Zu Hause isst sie gern mit den Händen oder lässt sich von ihrem Partner helfen, etwa beim Schneiden. «Früher war es für mich schwierig, das zuzulassen, aber heute ist das für mich in Ordnung.»

Welche Alternativen gibt es?

«Unsere Welt ist sehend – das ist eine Tatsache. Ich finde nicht, dass wir für alles eine Alternative brauchen», so Egger. Viel wichtiger ist ihr, dass sehende Menschen sich bewusst sind, wie stark das Auge auch täuschen kann: «Eine Blume kann schön aussehen, aber nicht gut riechen – und so ist es auch beim Essen. Was hübsch angerichtet ist, schmeckt nicht automatisch gut. Und was umgekehrt für andere unappetitlich aussieht, wie etwa ein Gemüse-Smoothie, kann für mich wunderbar schmecken.» Für Jaqueline Egger zählt daher das Echte, das Ursprüngliche. Das, was wirklich da ist – nicht der schöne Schein.