
Ich erinnere mich noch genau an diesen Moment. Ich sass da, mit schmerzenden Gelenken, einem Körper, der nicht mehr mitmachte, der nicht mehr meiner war, und einer riesigen Sehnsucht nach Bewegung und Stärke. Und ja, ich war stark gewesen. Sehr sogar. Meine ausgeprägten Muskeln waren für mich immer eine grossartige Bestätigung, über die ich mich oft definiert habe. Totaler Mist, ich weiss – aber diesen seziere ich ein anderes Mal.
Sport war immer mein Ventil gewesen. Mein Ort zum Atmen. Und plötzlich ging nichts mehr. Jeder Schritt tat weh, jede Bewegung war mühsam, jedes Gewicht unerträglich. Oft presste ich beim Training die Lippen fest aufeinander, um ja keinen Schrei loszulassen, während es sich anfühlte, als wäre eines meiner Gelenke über Nacht rostig geworden. Irgendwann stand der Verdacht auf Rheuma im Raum. Endlich eine mögliche Erklärung für das, was ich fühlte.
«Plötzlich war ich nicht mehr Patientin, sondern angeblich selbst schuld. Zu sensibel, zu psychisch, zu kompliziert. Zu alleinerziehend.»
Stattdessen bekam ich von meinem ausdruckslosen Gegenüber einen Satz zu hören, der sich bis heute eingebrannt hat:
«Vielleicht verwechseln Sie Rheuma mit Ihren Depressionen. Sie brauchen eher Psychopharmaka als eine rheumatologische Abklärung. Sie sind halt alleinerziehend und gestresst.»
Ich glaube, ich war noch nie so wütend und frustriert. Nicht nur wegen der Schmerzen, sondern weil mir in diesem Moment etwas viel Grösseres genommen wurde: meine Glaubwürdigkeit. Mein Recht, ernst genommen zu werden. Plötzlich war ich nicht mehr Patientin, sondern angeblich selbst schuld. Zu sensibel, zu psychisch, zu kompliziert. Zu alleinerziehend.
Eine Form von Machtmissbrauch
Später stiess ich auf einen Begriff, der erklärte, was mir bei dem Arztbesuch widerfahren war: Medical Gaslighting. Er beschreibt Situationen, in denen Patient:innen nicht ernst genommen werden, ihre Symptome heruntergespielt, psychologisiert oder sogar abgewertet werden. Wenn körperliche Beschwerden vorschnell als «Kopfsache» abgetan werden.
Es ist eine Form von Machtmissbrauch, die dazu führt, dass Patient:innen beginnen, an sich selbst zu zweifeln: Übertreibe ich? Stelle ich mich an?
Und irgendwann fühlt man sich nicht nur krank, sondern auch zutiefst entwertet.
Dabei ist es mir wichtig, zu betonen: Nicht alle Ärztinnen und Ärzte handeln so. Im Gegenteil. Es gibt unglaublich engagierte, empathische Fachpersonen, die zuhören, nachfragen, dranbleiben und ihre Patient:innen wirklich sehen. Menschen, die ihren Beruf mit Haltung, Wissen und Herz ausüben und unser Leben lebenswerter machen. Aber überall, wo Menschen arbeiten, gibt es auch solche, die ihren Beruf verfehlt oder vergessen haben, welche Gefahr eine Abwertung in diesem Bereich mit sich bringt.
«Ernst genommen zu werden ist kein Luxus, sondern Grundlage medizinischer Versorgung.»
Die Ursachen können divers sein: Vorurteile. Müdigkeit. Zeitdruck. Manchmal auch Arroganz. Das Gesundheitswesen ist kein geschützter Raum vor menschlichen Schwächen. Und genau dort, wo Machtgefälle bestehen, können Worte besonders verletzend sein.
Selbstzweifel und Rückzug als Folge
Was Medical Gaslighting so gefährlich macht, ist nicht nur der Moment selbst, sondern das, was danach bleibt: Unsicherheit. Scham. Das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen für Schmerzen, die real sind. Viele Betroffene zögern danach, erneut Hilfe zu suchen. Bei meiner Tante ging das so weit, bis sich ihre rheumageplagten Hände in Klauen verwandelten. Sie schwieg, hielt aus. Sie zweifelte an sich, statt an einem System, das sie hätte schützen sollen.
Dabei ist Fragen stellen kein Angriff. Zweifel äussern kein Misstrauen. Genauso ist ernst genommen zu werden kein Luxus, sondern Grundlage medizinischer Versorgung.
Auch ich hatte nach der Erfahrung von Medical Gaslighting lange Zeit gezögert, einen neuen Arzt aufzusuchen. Heute weiss ich: Meine Schmerzen waren real, ich war nicht «zu empfindlich». Aber ich war damals noch nicht so selbstbewusst wie heute. Jahre später geriet ich in eine sehr ähnliche Situation – doch diesmal blieb ich so relaxt wie Bruce Willis in dem Film Die Hard. Mit freundlicher Stimme baute ich einen bestimmten Ausdruck in einen sehr direkten Satz ein. Ruhig erklärte ich, dass ein Studium und ein weisser Kittel kein Freifahrtschein seien, sich wie eine bestimmte Körperöffnung zu verhalten.
Und siehe da: Noch am selben Tag bekam ich einen Anruf mit einer ehrlich gemeinten Entschuldigung. Daraus entstand sogar ein gutes Gespräch.
Medical Gaslighting passiert. Und es kann verheerende Nebenwirkungen haben. Genau deshalb müssen wir darüber sprechen. Nicht um anzuklagen, sondern um daraus zu lernen. Und um eine Medizin zu fördern, bei der sich die Menschen gesehen fühlen.
Denn manchmal beginnt Heilung genau dort: Wenn dich jemand ernst nimmt.
Über die Autorin
Ich bin Silvia, 42 Jahre alt, Mutti von einer fabelhaften Tochter (mit Biss), Rheumabetroffene, chronisch krank und chronisch direkt. Mein Leben? Eine Alltagskomödie mit viel Lippenstift, noch mehr Diagnosen und sprachlichen Abenteuern.
Alle drei Wochen gibt’s neue Geschichten mitten aus Silvias Leben: ehrlich, humorvoll und mit einer Prise Chaos.
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