
Dällebach Kari. Ein Name, fest in der Geschichte der Stadt Bern verankert. 1877 im Emmentalischen Walkringen geboren, entwickelte sich Karl Tellenbach im Laufe seines Lebens zum bekanntesten Coiffure von Bern und durch seinen Humor zu einem Stadtoriginal. Wegen einer angeborenen Lippen-Kiefer-Gaumenspalte hatte er jedoch auch immer unter dem Gespött mancher Leute zu leiden.
Nach einer schweren Krankheit beging Dällenbach Kari Selbstmord. Seine Geschichte lebt bis heute weiter; in Form von Anekdoten, Filmen, Theaterstücke, Statuen oder Gedenktafeln.
Eines dieser Denkmäler erntete in jüngster Zeit jedoch Kritik: In der Berner Neuengasse, am ehemaligen Standort des Coiffursalons von Karl, befand sich bis vor wenigen Monaten eine Plaquette mit folgender Inschrift:
«Der Coiffeurmeister überspielte seine Hasenscharte und unglückliche Liebe mit trockenem Humor. Einsam und krank suchte er den Tod in der Aare. Seine Anekdoten und Witze überlebten ihn.»
«Tierische Bezeichnungen sind verletzend und verstärken Vorurteile»
Die Kritik kam seitens "LKGS Schweiz – gemeinsam stark“, dem nationalen Verein für Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten. „Begriffe wie "Hasenscharte", "Wolfsrachen" und "Spaltkind" gehören nicht mehr in die Öffentlichkeit“, sagt Sarah Thalmann, Co-Präsidentin des Vereins auf Anfrage von RoB. Solche Bezeichnungen könnten für Betroffene und deren Angehörige verletzend sein und Vorurteile verstärken.
Kritik zeigte Wirkung
Seit November 2024 ist die Patientenorganisation „LKGS Schweiz – gemeinsam stark“ eine Anlaufstelle für Betroffene, deren Angehörige sowie behandelndes Fachpersonal. Den Vorschlag, die Stadt Bern mit der Kritik an der Gedenktafel von Dällenbach Kari zu konfrontieren, sei von einem Mitglied der Organisation gekommen. „Dieses Anliegen haben wir sehr ernst genommen und uns als Vorstand entschieden, einen Brief an die Stadt Bern zu verfassen“, sagt Thalmann.
Die Stadt Bern habe konstruktiv und zügig auf das Anliegen reagiert. Wenige Monate später, im November 2025, erhielt die Organisation bereits einen Vorschlag für eine neue Gedenktafel.
„Diesem Vorschlag sind wir mit einem Gegenvorschlag begegnet“, so Thalmann. „Ziel war es, eine Formulierung zu finden, die sowohl historisch sensibel als auch inklusiv ist.“ Der Gegenvorschlag wurden seitens Stadt Bern angenommen. Seit dem 16. Dezember 2025, rund 20 Jahre nach dem die Gedenktafel errichtet wurde, steht auf der Plaquette nun:
«Geboren mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte machte Dällebach Kari seine Einzigartigkeit zu einem Markenzeichen. Mit Humor, Wortwitz und einem grossen Herz für Arme und Bedürftige wurde er zu einer unvergessenen Berner Persönlichkeit.»
Für "LKGS Schweiz – gemeinsam stark" sei dieser Erfolg ein wichtiger Meilenstein, gerade als relativ junge Organisation. Neben der Vernetzung von Betroffenen, will sie auch die Gesellschaft und das Gesundheitssystem für dieses Geburtsgebrechen sensibilisieren.
« Die Angriffe von Kindern, die mich nicht einmal kannten, konnte ich kaum verstehen»
In der Schweiz werden laut Angaben von Thalmann jährlich rund 100 bis 120 Kinder mit einer Lippen-, Kiefer- und oder/Gaumenspalte geboren. Einer von ihnen ist Matthias Sägesser, der den Vorstand von LKGS präsidiert: Er kam 1974 im Odenwald (Baden-Würrtemberg) mit einer rechtsseitigen Lippen-Kiefer-Gaumen-Segelspalte auf die Welt. Bis heute zähle er rund 25 Operationen, wie er in einem Erfahrungsbericht für die LKGS Schweiz schreibt. Auch er erlebte in der Schule zuweilen Hänseleien. „Die Angriffe von Kindern, die mich nicht einmal kannten, konnte ich kaum verstehen“, schreibt Matthias Sägesser. Mutter und Oma hätten ihm aber immer den Rücken gestärkt.
Von Hänseleien zu Selbstvertrauen
Später, als er als erster der Familie das Gymnansium besuchte, habe er angefangen, sein Anderssein zum Markenzeichen zu machen – eine Strategie, wie sie einst auch Dällebach Kari verfolgte. Bei Matthias Sägesser war es die Kleidung von Opa, mit der er auffallen wollte; Manchesterhosen, Gilets, Hosenträger. „Es war meine Art zu rebelliere – und daran bin ich gewachsen“, schreibt er.
Heute habe er sein Selbstvertrauen zurückgewonnen und könne auf einen guten Freundeskreis zählen. Trotzdem denke er täglich an seine Spalte. „Etwa wenn ich durch mein rechtes Nasenloch fast keine Luft bekomme oder wenn ich beim Zähneputzen täglich meine Implantate reinige.“
Obwohl Betroffene heute deutlich weniger unter Diskriminierungen leiden, komme es laut Matthias Sägesser nach wie vor zu Situationen, wo er Mitmenschen auf deren Ausdrucksweise aufmerksam machen müsse. „Neulich hat jemand im Austausch das Wort „Wolfsrachen“ gebraucht“, erzählt er RoB auf Anfrage. Als ihn Matthias Sägesser darauf aufmerksam machte, habe er zuerst konsterniert, nach einer Erklärung jedoch verständnisvoll reagiert.
Denn auch das will die "LKGS Schweiz – gemeinsam stark": Entstigmatisieren. „Nach dem Erfolg mit der Gedenkplatte haben wir einen Brief an SRF versandt mit der Bitte, in Berichterstattungen auf sensible Begriffe zu verzichten“, sagt Matthias Sägesser. Eine Antwort blieb bisher aus.




