Ledwina Siegrist ist Dozentin und Projektleiterin für Sozialpädagogik und Sozialpolitik an der Hochschule Luzern und Fachperson sexuelle Gesundheit in Bildung und Beratung.

RoB: Zuerst zu dem Begriff «sexuelle Freiheit»: Was ist genau damit gemeint?

Ledwina Siegrist: Sexuelle Freiheit bedeutet für mich, informierte und selbstbestimmte Entscheidungen über den eigenen Körper, Wünsche, Beziehungen und Form von Intimität treffen zu können. Und zwar frei von Scham, Zwang und Stigmatisierung. Dabei umfasst sie ebenfalls die Möglichkeit, konsensbasierte Erfahrungen zu sammeln und die Sexualität im eigenen Tempo zu erkunden. Sexuelle Freiheit wird durch Zugang zu Wissen, offene Kommunikation und respektvollem Umgang mit eigenen und fremden Grenzen erreicht. Eingeschränkt wird sie durch gesellschaftliche Normen, moralischen Druck und fehlende Aufklärung.

Warum ist Sexualität im Zusammenhang mit Behinderungen bis heute ein Tabuthema?

Menschen mit Behinderungen stehen in Fragen von Körper, Liebe und Sexualität vor denselben Herausforderungen wie alle andere Menschen. Der entscheidende Unterschied: Für sie werden sexuelle Erfahrungen und Gespräche häufig tabuisiert oder sogar verboten. Dadurch fehlt wichtiges Wissen über körperliche Veränderungen, Grenzen und Schutz – ein Umfeld, das verschiedene Formen von Gewalt begünstigen kann.

Woher kommt diese enorme Tabuisierung?

Sie ist sehr eng mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Normkörpern, Leistungsfähigkeit und Wert verbunden. Attraktivität wird oft mit Gesundheit und Unabhängigkeit gleichgesetzt, während Körper, die davon abweichen, als weniger begehrenswert oder sogar problematisch gelten. Historisch wurden Menschen mit Behinderungen zudem als defizitär oder kindlich dargestellt. So wird ihnen Sexualität, Autonomie und Selbstbestimmung abgesprochen – und ein zentraler Teil menschlicher Identität unsichtbar gemacht.

Ein ausgerissenes Blatt Papier. Mit Farbstift darauf gemalt sind diverse Hände, eine Hand mit dem ausgestreckten Mittelfinger, ein farbiges Herz, ein Teebeutel oder Fragezeichen und Kreise.

In Institutionen fehlt es oft an verständlicher Sexualaufklärung und sexualpädagogischen Angeboten, kritisieren Fachpersonen.

Welche Vorurteile existieren gegenüber Menschen mit Behinderungen und ihrer Sexualität?

Menschen mit Behinderungen wird oft entweder Asexualität oder Hypersexualität zugeschrieben. Dies sind zwei extreme, aber sehr verbreitete Fehlannahmen. Asexualität wird häufig angenommen, weil Behinderungen mit Kindlichkeit, Abhängigkeit oder fehlender Attraktivität gleichgesetzt wird. Hypersexualität wiederum wird Menschen mit kognitiven oder neurologischen Einschränkungen zugeschrieben, wenn ihre Ausdrucksformen von Nähe oder Körperlichkeit gesellschaftlich als falsch interpretiert oder vorschnell sexualisiert werden. Dies führt entweder zu übermässiger Kontrolle oder zu fehlender Aufklärung von Menschen mit Behinderungen – und damit zu einer Einschränkung von Selbstbestimmung und Schutz. 

Inwiefern?

Sexuelle Selbstbestimmung spielt für Menschen mit Behinderungen eine zentrale Rolle, weil sie, wie für alle Menschen, eng mit Würde, Identität und Lebensqualität verbunden ist. Gleichzeitig wird sie in vielen Bereichen eingeschränkt. Das fängt bereits bei der Kommunikation oder Mobilität an: Wer auf Unterstützung angewiesen ist, kann oft nicht selbstständig Menschen kennenlernen, unbeobachtet Zeit mit einer Beziehungsperson verbringen oder sich frei über Sexualität informieren. Auch ein geringes Körperbewusstsein oder fehlendes Wissen über eigene Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen können die Selbstbestimmung erschweren. Die Einschränkungen entstehen jedoch oft nicht durch die Behinderungen selbst, sondern durch die Bedingungen, unter denen Menschen leben.

Also durch strukturelle Ursachen …

Genau. Viele Menschen mit Behinderungen wachsen in Institutionen auf, leben und arbeiten dort. Das bedeutet oft wenig Privatsphäre, kaum Rückzugsräume und klare Regeln darüber, was erlaubt ist und was nicht. Unter anderem auch bei Übernachtungen oder Beziehungen. Selbst einfache Erfahrungen wie Flirten oder erste Nähe fehlen häufig, weil unbeaufsichtigte Erfahrungsräume kaum vorhanden sind.

Eine grosse Rolle spielen auch Betreuungspersonen und Fachkräfte. Sexuelles Verhalten wird teilweise aufgrund persönlicher Moralvorstellungen bewertet oder eingeschränkt, ohne dass diese Haltungen reflektiert werden. Gleichzeitig fehlt es oft an geeigneter, verständlicher Sexualaufklärung und an kontinuierlichen sexualpädagogischen Angeboten. Auch Entscheidungen über Verhütung werden teils getroffen, ohne die betroffenen Personen ausreichend einzubeziehen.

All das zeigt: Sexuelle Selbstbestimmung wird weniger durch individuelle Einschränkungen begrenzt als durch fehlende Räume, mangelnde Mitsprache und strukturelle Barrieren im Alltag.

«Verbote verhindern Sexualität nicht, sondern machen sie unsichtbar und unsicher.»

Ledwina Siegrist, Dozentin Sozialpädagogik und Sozialpolitik

Sie haben den institutionellen Kontext angesprochen. Wie wirken sich diese Reglementierungen konkret auf die Menschen aus?

Für eine gesunde sexuelle Entwicklung ist es wichtig, dass Menschen mit Behinderungen Sexualität als etwas Natürliches und Positives erleben können. Sie brauchen geschützte Räume, in denen Neugier, Körperwahrnehmung und erste Erfahrungen möglich sind, begleitet von klaren Regeln, die helfen, eigene und fremde Grenzen zu respektieren.

Viele Fachpersonen vermeiden oder tabuisieren das Thema oftmals, weil sie sich unsicher fühlen oder keinen professionellen Umgang damit gelernt haben. Statt über Sexualität zu sprechen, wird sie dann stark reglementiert, aus Angst vor sexualisierter Gewalt, Grenzverletzungen, sexuell übertragbaren Infektionen oder ungewollten Schwangerschaften. Dadurch wird Sexualität vor allem als Risiko und Problem dargestellt. Meist wird die Sexualität trotzdem ausgelebt, aber heimlich: es werden Regeln umgangen, Beziehungen versteckt oder Betreuungspersonen getäuscht. Das zeigt: Verbote verhindern Sexualität nicht, sondern machen sie unsichtbar und unsicher. So sind Menschen mit Behinderungen überdurchschnittlich häufig von sexualisierter Gewalt betroffen.

Was braucht es, damit Menschen mit Behinderungen einen offenen Umgang mit Sexualität  entwickeln können?

Die Grundlage der Sexualerziehung sind Beziehungen: Vertrauen, Anerkennung und eine wertschätzende Haltung. Menschen mit Behinderungen müssen spüren, dass Sexualität kein Tabu ist und dass ihre Fragen ernst genommen werden. Fachpersonen senden wichtige Signale, wenn sie offen, respektvoll und schützend mit dem Thema umgehen und dabei klare Grenzen beachten. Und zwar nicht durch Verbote, sondern durch Dialog. Deshalb muss Sexualität aktiv und offen thematisiert werden. Das ist es, was Menschen darin stärkt, eigene Grenzen zu erkennen, Übergriffe zu benennen und sich gegen gesellschaftliche Zuschreibungen und Zwänge zu behaupten. Wenn darüber gesprochen wird, verliert das Thema seinen Tabucharakter, Hemmungen werden abgebaut und Vertrauen entsteht. Verantwortung tragen dabei vor allem Institutionen: Denn Prävention gelingt nur, wenn sie strukturiert und gemeinsam angegangen wird, mit klaren Richtlinien, Weiterbildungen, Schutz- und sexualpädagogischen Konzepten sowie festen Anlaufstellen.

Auch bei Themen wie Sexualassistenz wird oft über Betroffene gesprochen, statt ihnen zuzuhören. Wie kann sich der Diskurs verschieben, damit Menschen mit Behinderungen ihre Sexualität selbst definieren können?

Menschen mit Behinderungen müssen als Expert:innen ihrer eigenen Sexualität anerkannt werden. Sexualität darf nicht «erlaubt» werden, denn sie ist ein Recht. Sexualität kann dabei auch bedeuten, den eigenen Körper kennenzulernen, sich selbst zu entdecken und eigene Wünsche unabhängig von Beziehungspersonen zu erforschen. Dafür braucht es aber Aufklärung und Zugang zu Informationen

Dabei kann Sexualassistenz eine mögliche unterstützende Rolle spielen, wenn sie selbstbestimmt, freiwillig und respektvoll gestaltet ist. Sie kann Menschen mit Behinderungen helfen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen und Sexualität sicher und selbstbestimmt zu erleben. Ziel ist aber nicht die Anpassung an bestehende gesellschaftliche Normen. Sondern die Möglichkeit, eigene Wünsche, Nähe und Lust auszudrücken.