| Dr. med. Markus Schlemmer ist Chefarzt der Psychiatrie in der Klinik Arlesheim |
RoB: Was stört Sie am meisten an der Darstellung von psychisch erkrankten Menschen in den Medien?
Markus Schlemmer: Ein Problem ist, dass in den Medien psychische Erkrankung oft in Zusammenhang mit schweren Gewalttaten erscheint. Es ist leider eine Tatsache, dass bei bestimmten psychischen Erkrankungen ein erhöhtes Risiko für gewalttätiges Verhalten besteht. Aber das wiederholte Auftauchen des Zusammenhangs von psychischer Erkrankung und Gewalttaten in den Medien, zum Teil als blosse Mutmassung, vermittelt das Bild, dass Betroffene per se gefährlich sind, was erheblich zur Stigmatisierung psychischer Erkrankung beiträgt. Das stimmt aber nicht. Von den allermeisten psychisch erkrankten Menschen geht keinerlei Gefahr aus. Hingegen werden Betroffene, statistisch gesehen, deutlich häufiger Opfer von Gewalttaten, als dass sie selbst Gewalttaten verüben.
Was ist der Grund für Gewalttaten von psychisch erkrankten Menschen?
Wenn psychisch erkrankte Menschen gewalttätig werden, ist das oft eine Reaktion auf extremen inneren Stress bei akuter Krankheitssituation, auf soziale Isolation, Überforderung oder das Fehlen von Hilfe. Wird die Erkrankung rechtzeitig erkannt und werden die Erkrankten adäquat behandelt, begleitet und unterstützt, sinkt das Risiko für Gewalttätigkeit erheblich. Radikalisierung, ob politisch, religiös oder ideologisch, ist viel eher der Nährboden für Hass und Gewalt. Doch Radikalisierung ist keine Krankheit, sondern ein Prozess ideologischer, sozialer und emotionaler Verirrung.
Wie reagiert die Gesellschaft auf psychisch erkrankte Menschen?
Von Betroffenen höre ich immer wieder, sie hätten viel lieber eine körperliche Erkrankung mit somatischen Symptomen und Befunden, so sichtbar und konkret wie einen Arm- oder Beinbruch. Psychische Erkrankungen sind nicht so einfach greifbar und offensichtlich und sie sind nicht so leicht begreifbar, irgendwie unheimlich. Das kann bei Aussenstehenden Unverständnis, Verunsicherung und Angst erzeugen. Oder psychische Erkrankung wird nicht ernst genommen, übergangen, bagatellisiert. Psychische Erkrankung wird auch immer wieder als Schwäche und Versagen gesehen, etwas, wofür man sich schämen muss. Solche Sichtweisen führen häufig zu einem Mangel an Empathie und widersprechen einer humanistischen aufgeklärten Perspektive, die anerkennt, dass psychisches Leiden und psychische Erkrankung zum menschlichen Leben gehören und weit verbreitet sind.
Wie hat sich die gesellschaftliche Haltung entwickelt?
Die Einstellungen in unserer Gesellschaft gegenüber psychischen Erkrankungen haben sich im Laufe der Jahre verbessert. Die Politik engagiert sich verstärkt in der Aufklärung der Allgemeinbevölkerung, und viele psychiatrische Institutionen bieten Informationsveranstaltungen an. Es gibt auch Selbsthilfe-Initiativen wie beispielsweise die Trialog Psychose-Seminare. Es ist aber noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, insbesondere in ländlich geprägten Regionen.

Psychische Erkrankungen werden oft mit Gewalt in Verbindung gebracht – zu Unrecht, findet der Psychiater Markus Schlemmer. Betroffene sind statistisch häufiger Opfer als Täter.
Welchen Einfluss hat das Stigma auf die Lebensrealität Betroffener?
Das Stigma kann hauptsächlich im Berufsleben erhebliche Belastungen mit sich bringen. Viele Betroffene haben Angst, aufgrund ihrer Erkrankung stigmatisiert zu werden und berufliche Nachteile zu erfahren. Arbeitgebende, Führungspersonen und Kolleg:innen fühlen sich oft unsicher im Umgang mit Mitarbeitenden mit psychischen Problemen. Hier braucht es Aufklärungsarbeit.
Was empfehlen Sie den Betroffenen?
Ein zentraler Punkt ist es, den Patient:innen Strategien an die Hand zu geben, um die Auswirkungen der Stigmatisierung zu bewältigen. Dazu gehört der Abbau von Schamgefühlen sowie die Vermittlung von Selbstwertgefühl und Gleichwertigkeit trotz der Erkrankung. Die Annahme der eigenen Situation ist ein wichtiger hilfreicher Aspekt für ein positives Selbstverständnis und eine gute Lebenszufriedenheit trotz Krankheit. Die Wahrung der Menschenwürde ist dabei grundlegend.
Weshalb ist das so schwierig?
Viele Betroffene verinnerlichen gesellschaftliche Vorurteile und entwickeln Gefühle von Ungenügen und Scham. So kann es zu einer Selbst-Stigmatisierung kommen. Dies erfordert therapeutische Unterstützung und Bearbeitung. Wichtig ist hier Aufklärung durch Psychoedukation. Betroffene sollen ihre Erkrankung so gut wie möglich verstehen, sozusagen zu Expert:innen ihrer eigenen Erkrankung werden. Damit können sie auch die damit verbundenen Besonderheiten, Hemmnisse und Einschränkungen besser verstehen und einordnen. Dies ist hilfreich für ihr Selbstverständnis.
«Die Annahme der eigenen Situation ist ein wichtiger hilfreicher Aspekt für ein positives Selbstverständnis»
Wie lassen sich Stigmata abbauen?
Offene Austausche über psychische Erkrankungen auf breiter Ebene spielen eine entscheidende Rolle beim Abbau von Stigmata. Nur durch eine sachliche Auseinandersetzung können Ängste abgebaut und ein offener und flexibler Umgang mit Betroffenen gewährleistet werden. Öffentliche Diskussionen und Informationsvermittlungen, aber auch gute Reportagen und Filme, können dazu beitragen, dass Menschen nicht aufgrund der Unsicherheiten ihres Umfelds gesellschaftlich isoliert werden.
Wie steht die Schweiz im internationalen Vergleich da?
In der Schweiz ist die Situation insgesamt positiv. Das Gesundheitssystem bietet umfangreiche Unterstützung, nicht zuletzt durch die Invalidenversicherung mit dem primären Ziel einer beruflichen Reintegration. Es bestehen aber kantonale Unterschiede, insbesondere hinsichtlich der Verfügbarkeit psychiatrischer Dienste und Fachkräfte. Im Vergleich zu anderen Ländern sind wir insgesamt gut aufgestellt.
Gibt es philosophische Ansätze zur Stigmabekämpfung?
Ich halte eine humanistische, aufgeklärte Perspektive für zentral. Philosophen wie Karl Jaspers haben viel dazu beigetragen, ein tieferes Verständnis für das Leid anderer Menschen zu entwickeln. Es geht im Grundsatz darum, das Leid im Leben zu verstehen und akzeptieren.





