Collage aus einem Foto einer Frau mit geschlossenen Augen und offenen Haaren sowie orangefarbenen Icons mit einer Hand mit gekreuztem Zeige- und Mittelfinger und einer Medikamentenschachtel. Text: «Blog #12».

Es ist mir manchmal fast peinlich, krank zu sein, da es nie bei einer Sache bleibt. Ich hätte auch gern nur ein Wehwehchen. Eins, das man schön sauber erklären kann à la Blasenentzündung oder Hand verstaucht. Bei dem man sagen kann: Das ist es. Muss bloss 25 Mal pro Stunde aufs Klo. Oder ich kann seine Hemden nicht bügeln wegen meiner verletzten Hand und weil ich das sowieso nie tun würde. Punkt. 

Aber so funktioniert ein Körper offenbar nicht. Und schon gar nicht ein kranker. Meiner sowieso nie. 

Denn kaum ist etwas diagnostiziert, zieht es andere Dinge mit hinein. Medikamente wirken nicht nur, sie hinterlassen auch unbeliebte Spuren im System. Sie helfen an einer Stelle und machen an einer anderen Mühe. Einmal musste ich meine Mähne abhauen, da diese sich täglich etwas mehr verabschiedet hat. Oder ich musste nonstop aufs Klo, aber wegen einem Medi und nicht einer tropischen Reisekrankheit. Schmerzen bleiben auch nicht brav dort, wo sie hingehören, sondern wandern und verändern alles. Bewegung, Schlaf, Stimmung, Geduld. Man bewegt sich weniger, weil es weh tut. Dann tut es übrigens oft noch mehr weh. Dann schläft man auch ein klitzekleines bisschen schlechter. Dann ist man müde, unkonzentriert und verdammt genervt. Und noch weniger lustig. 

Als Hypochonder verdächtigt

Oder man nimmt ein grossartiges neues Medikament, das eigentlich helfen soll, und plötzlich ist man anfälliger auf jedes Virus, das vorbeifliegt. Auch solche, die noch nicht entdeckt worden sind, so Kreuzungen wie frisch aus einem Kinderhort abgestaubt. Während andere ein bisschen schnupfen, liegen wir flach. Natürlich nicht dramatisch genug für eine Telenovela, aber deutlich zu übel für den Alltag. 

Und wenn man das erklärt, klingt es sofort nach: Jetzt kommt sie wieder mit etwas Neuem. Hatte sie nicht eigentlich XY? Von aussen klingt das dann ungefähr so: «Also letzte Woche war es das, diese Woche ist es etwas anderes, und jetzt kommt noch das dazu?» Es ist echt total peinlich und ich sehe es meinem Gegenüber an. Dieser Blick, der dir klar macht, dass man dich als Hypochonder betrachtet. Ja. Genau so. Willkommen im echten Leben.

«Und dann sitzt man da und überlegt, ob man absagen darf und vor allem, wie. »

Silvia Jauch, RoB-Reporterin

Ich höre mich manchmal selbst reden und denke: Wenn ich das jetzt jemandem erzähle, klingt es wie ein Fantasievorbericht. Völlig unzusammenhängend. Heute Schmerzen, morgen Nebenwirkungen, übermorgen ein Infekt. Dann wieder Tage, an denen man theoretisch könnte, aber praktisch einfach leer ist. Nicht depressiv. Nicht krank genug. Einfach aufgebraucht und ausgelaugt.

Und dann sitzt man da und überlegt, ob man absagen darf und vor allem, wie. Ob man sich das erlauben kann. Ob man wieder erklären muss, warum es heute nicht geht, obwohl es gestern vielleicht noch gegangen wäre. Diese ständige innere Buchhaltung: War ich letzte Woche schon müde? War ich kürzlich schon nicht da? Kann ich mir das jetzt noch leisten?

Krankheit ist kein einzelnes Symptom

Denn das ist das eigentliche Problem: Sollte man lügen? Eine einfache Erklärung abgeben? Zum Beispiel, dass man die Grossmutter ins Aquafit begleiten muss oder in meiner Wohnung gab es einen Rohrbruch und ich muss mir jetzt Gummistiefel kaufen gehen. 

«Manchmal ist das Peinlichste nicht die Symptome, sondern die Reaktionen darauf.»

Silvia Jauch, RoB-Reporterin

Was niemand sehen will: Krankheit ist kein einzelnes Symptom. Sie ist ein System in einem System. Alles hängt zusammen. Körperlich, psychisch, emotional. Der Domino-Effekt erklärt es perfekt: Wenn der erste Teil kippt, kippen oft weitere. Aber das passt schlecht in den Alltag der Gesunden. Also wirkt man übertrieben. Oder empfindlich. Oder einfach kompliziert. Ok, das bin ich so oder so, aber mit meinen Symptomen erreiche ich einen neuen Rekord. 

Und irgendwann kommt dieser Moment, in dem man lieber lügt.

Es ist schlicht die peinliche Realität die uns motiviert, eine simple Geschichte zu erfinden, die jeder versteht. Eine mühsame, frustrierende Realität. Ich wünschte, Krankheit wäre einfacher, glaubwürdiger und logischer wie eine Werbung über ein Erkältungsmittel.  

Aber sie ist es nicht. Sie ist chaotisch, vernetzt, unfair. Und manchmal ist das Peinlichste daran nicht die Symptome, sondern die Reaktionen von Unwissenden darauf. Wir können nichts dafür, dass sie keine Ahnung haben und es gerne simpel mögen. Manchmal tut es gut, wenn man es mal auf diese Weise betracht.