Das ist der fünfte Teil der Comicserie, in der Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann alias Mynt über die Höhen und Tiefen ihrer zweijährigen Wohnungssuche erzählen. Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4 können hier nachgelesen werden.

1.	Comiczeichnung eines Wohneingangs. Draussen stehen Valentin und Jasmin. Jasmin nutzt einen Rollstuhl. Sie sagt zu Valentin: «Die Verwaltung sagte, die Wohnung sei baugleich mit der im EG. Diese ist halt noch nicht zu vermieten.» Valentin antwortet: «Ok, ich klingle mal.» 2.	Ansicht des Wohneingangs auf einen alten Lift. Valentin sagt zu Jasmin: «Aber siehst du? Fürs EG müssten wir auch mit dem Lift fahren.»
3.	Nahansicht des alten Lifts mit Falttüre. Der Lift macht: «Biiinng» und beim Aufmachen die Türe «Kraaakkz».  4.	Ansicht auf Jasmin und Valentin, die in den Lift schauen. Jasmin sagt skeptisch: «Ich weiss nicht, ob ich da rein möchte.» Valentin antwortet: «Ach, das geht schon. Glaub ich.»
5.	Jasmin sagt: «Na, jetzt sind wir ja schon mal hier. Ich versuchs! Ganz schön eng. Ooooh.» Der Rollstuhl ist nun auf der Schwelle zum Lift. 6.	Nahansicht von Jasmin. Ihre Haare fliegen in der Luft. Die Augen weit aufgerissen mit offenem Mund, sichtbar erschrocken, umgeben von vibrierenden Linien. Links steht «GGRUMP!», rechts «JUMMP!»
7.	Valentin fragt: «Wow!! Alles klar?? Das war ein…» Jasmin antwortet mit Schweisstropfen auf der Stirn vor Angst: «Ja!! Ein fünf Zentimeter Absturz verdammt!» 8.	Valentin merkt an, dass Jasmin noch nicht ganz drin ist. Jasmin antwortet, sie stehe an, es geht nicht weiter rein.
1.	Comiczeichnung aus der Perspektive von Jasmin. Sie nutzt einen Rollstuhl und ist auf Wohnungssuche mit Valentin. Man sieht die Beine und Füsse von ihr in einem alten Lift. Der Schriftzug «GGGLOC» zeigt, dass es sehr eng ist. Valentin sieht man nicht. Er sagt: «Okay, es fehlt nur noch eine Hand breit.» Jasmin antwortet: «Es hat keinen Sinn. Ich komme wieder raus.» 2.	Nahansicht von Jasmin im Lift. An der Tür steht Valentin. Jasmin ist wütend und traurig zugleich. Sie sagt: «Ich glaubs nicht!! Jetzt ist echt dieser Lift zu klein!»
3.	Valentin schlägt vor: «Vielleicht gibt es einen Weg über den Gartensitzplatz? Also dann für die EG Wohnung später.» Hinter Valentin kommt eine Person die Treppe hinuntergelaufen. 4.	Jasmin ist jetzt auf der Schwelle zum Lift und sagt zu Valentin, er soll ohne sie schauen gehen. Sie wartet. Valentin sagt, er mache Fotos und grüsst eine Frau, die gerade auf der letzten Treppenstufe ist. Sie fragt: «Grüezi. Geht der Lift nicht???»
5.	Jasmin antwortet: «Nein, aber er ist zu klein. Ich komme nicht ganz hinein.» Im Hintergrund sieht man Valentin die Treppen hochgehen. 6.	Nahansicht der Frau mit braunen Haaren und goldenem Ohrschmuck. Sie sagt: «Hmm. Haben sie denn keinen normalen Rollstuhl?? Mit so einem sollte es gehen. Weil, hier war schon jemand mit Rollstuhl.»
7.	Jasmin ist irritiert ab der Aussage der Frau. Im linken Brillenglas ist ein Fragezeichen in der Pupille, die gross gezeichnet ist. Sie fragt: «Hööö???» 8.	Gekränkt sagt sie zur Frau: «Wissen sie. Ich brauche einen E-Rolli! Und das ist auch ein normaler Rolli.»
9.	Die Frau schlägt die Hand vor den Mund und meint: «Oh, ja, schade. So ist es eben da im Haus. Dann kann ich Ihnen nicht helfen.» 10.	Die Frau läuft davon und sagt Adee. Jasmin wünscht ihr einen schönen Abend. Der Lift macht immer noch «Krakzz»-Geräusche.
11. Draussen vor dem Wohnblock. Valentin kommt herausgelaufen und sagt: «Im Grunde hätte nwir uns das sparen können. Die Wohnung ist cool aber ohne Lift?» Jasmin findet: «Ach, ja, komm, wir sollten uns was Gutes tun.» Unten steht im Schriftzug: «Einige Minuten später.» 12.	Jasmin und Valentin fahren mit dem elektrischen Rollstuhl einen Weg entlang. Valentin steht hinten auf dem Rolli. In der Hand halten sie ein Glace. Jasmin sagt freudig: «Siehst du? Das wäre mite einem ‹normalen› Rollstuhl undenkbar!! Hahaaa.»

Im Grunde wiederholen sich viele unserer Erlebnisse bei Wohnungsbesichtigungen. Zu enge Türrahmen, Stufen zur Wohnung, schwere Brandschutztüren oder ein kleiner, womöglich gefährlicher Lift – all diese Barrieren zeigen uns immer wieder: Wir wurden nicht mitgedacht.

Doch es bleibt nicht bei solchen baulichen Hindernissen. Immer wieder begegnet uns auch diskriminierendes Verhalten, wie in der zweiten Hälfte dieser Geschichte. Die Frage: «Haben Sie nicht einen normalen Rollstuhl?» war weniger eine Frage als eine Reaktion – und sie hinterliess bei mir seltsame Gefühle.

Was soll ein «normaler» Rollstuhl überhaupt sein? Und was schwingt in dieser Frage mit? Eine Art Schuldzuweisung, nach dem Motto: Du hast eben nicht den richtigen Rollstuhl oder die richtige Behinderung für dieses Haus? Die Frage mag harmlos klingen, ist es aber nicht. Sie verschiebt die Verantwortung: Nicht das Gebäude ist das Problem, sondern scheinbar mein Hilfsmittel – oder meine Behinderung. Eine solche Frage teilt in «richtig» und «falsch» ein und schafft Hierarchien – und löst wohl auch deshalb im ersten Moment ein so grosses Unwohlsein in mir aus.

Wir haben viel über diese Frage nachgedacht, haben lange darüber diskutiert und sind zum Schluss gekommen: Durch Unwissen allein lässt sich eine solche Aussage nicht erklären. Denn wie entsteht solches Unwissen überhaupt?

Es wird – genau wie Wissen – weitergegeben. Die Frage nach dem «normalen» Rollstuhl ist kein Einzelfall, sondern ein Ausläufer von vielen in einer langen Geschichte von Diskriminierung. Ein Beispiel: Ab dem 19. Jahrhundert begann man, Kinder, die nicht ins enge Leistungs- und Normbild passten, in Sonderschulen zu schicken, statt den Unterricht und die Umgebung anzupassen. Man hielt sie für unfähig zu lernen. Aus solchen Annahmen, geboren aus Angst und Unwissen, entstanden Bilder von Behinderung, die über Generationen weitergegeben wurden – ohne hinterfragt zu werden. So leben wir heute in einer Gesellschaft, die zu wissen meint, was Behinderung «wirklich» ist, ohne Interesse daran zu haben, Menschen mit Behinderung zuzuhören.

«Viele Menschen haben feste Vorstellungen davon, wie «Behinderung» angeblich aussieht. Doch solche Bilder haben wenig mit der Realität behinderter Menschen zu tun.»

Jasmin Polsini, Reporterin

In unserem Fall wollte die Mieterin mit ihrem «Tipp», einen anderen Rollstuhl zu erwägen, wohl ehrlich helfen. Doch ihr Wissen führte am Ende trotzdem zu einer Form der Diskriminierung – weil dieses falsche Wissen, dass es einen «normalen» Rollstuhl gibt, anstatt dass verschiedene Rollstühle für unterschiedliche Bedürfnisse ausgelegt und individuell angepasst sind – selbst auf einem diskriminierenden Fundament beruht.

Viele Menschen haben feste Vorstellungen davon, wie «Behinderung» angeblich aussieht: Wer einen Rollstuhl nutzt, kann nicht laufen. Wer Probleme mit den Augen hat, ist blind. Autist:innen sind Zahlengenies. Wer langsam und nicht artikuliert spricht, ist dumm. Diese Liste liesse sich endlos fortsetzen. Doch solche Bilder haben wenig mit der Realität behinderter Menschen zu tun.

Solche Situationen, in denen diese Art von Diskriminierung zum Tragen kommt, erleben wir Menschen mit Behinderungen ständig. Und die Summe dieser Erlebnisse macht es schwer, positiv zu bleiben.

Darum versuchen wir bewusst, uns nach solchen Momenten etwas Gutes zu tun – um das Erlebte besser zu verarbeiten und hinter uns zu lassen. Mitunter mit diesen Comics schaffen wir das.

Comicserie Wohnungssuche mit Behinderung

Der angespannte Wohnungsmarkt setzt viele unter Druck, für Menschen mit Behinderungen ist er kaum zumutbar. In der Comicserie Wohnungssuche mit Behinderung erzählen Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann alias Mynt von den Schwierigkeiten und Absurditäten, die sie bereits seit zwei Jahren erleben: Inserate, die Barrierefreiheit vortäuschen, Vermieter:innen, die vor Umbauten zurückschrecken, oder Planer:innen, die Menschen mit Behinderungen schlicht nicht mitdenken. Ihre Erfahrungen zeigen gravierende strukturelle Probleme, Diskriminierung und Ignoranz auf dem Wohnungsmarkt, aber auch Momente echter Solidarität.