
Das ist der fünfte Teil der Comicserie, in der Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann alias Mynt über die Höhen und Tiefen ihrer zweijährigen Wohnungssuche erzählen. Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4 können hier nachgelesen werden.










Im Grunde wiederholen sich viele unserer Erlebnisse bei Wohnungsbesichtigungen. Zu enge Türrahmen, Stufen zur Wohnung, schwere Brandschutztüren oder ein kleiner, womöglich gefährlicher Lift – all diese Barrieren zeigen uns immer wieder: Wir wurden nicht mitgedacht.
Doch es bleibt nicht bei solchen baulichen Hindernissen. Immer wieder begegnet uns auch diskriminierendes Verhalten, wie in der zweiten Hälfte dieser Geschichte. Die Frage: «Haben Sie nicht einen normalen Rollstuhl?» war weniger eine Frage als eine Reaktion – und sie hinterliess bei mir seltsame Gefühle.
Was soll ein «normaler» Rollstuhl überhaupt sein? Und was schwingt in dieser Frage mit? Eine Art Schuldzuweisung, nach dem Motto: Du hast eben nicht den richtigen Rollstuhl oder die richtige Behinderung für dieses Haus? Die Frage mag harmlos klingen, ist es aber nicht. Sie verschiebt die Verantwortung: Nicht das Gebäude ist das Problem, sondern scheinbar mein Hilfsmittel – oder meine Behinderung. Eine solche Frage teilt in «richtig» und «falsch» ein und schafft Hierarchien – und löst wohl auch deshalb im ersten Moment ein so grosses Unwohlsein in mir aus.
Wir haben viel über diese Frage nachgedacht, haben lange darüber diskutiert und sind zum Schluss gekommen: Durch Unwissen allein lässt sich eine solche Aussage nicht erklären. Denn wie entsteht solches Unwissen überhaupt?
Es wird – genau wie Wissen – weitergegeben. Die Frage nach dem «normalen» Rollstuhl ist kein Einzelfall, sondern ein Ausläufer von vielen in einer langen Geschichte von Diskriminierung. Ein Beispiel: Ab dem 19. Jahrhundert begann man, Kinder, die nicht ins enge Leistungs- und Normbild passten, in Sonderschulen zu schicken, statt den Unterricht und die Umgebung anzupassen. Man hielt sie für unfähig zu lernen. Aus solchen Annahmen, geboren aus Angst und Unwissen, entstanden Bilder von Behinderung, die über Generationen weitergegeben wurden – ohne hinterfragt zu werden. So leben wir heute in einer Gesellschaft, die zu wissen meint, was Behinderung «wirklich» ist, ohne Interesse daran zu haben, Menschen mit Behinderung zuzuhören.
«Viele Menschen haben feste Vorstellungen davon, wie «Behinderung» angeblich aussieht. Doch solche Bilder haben wenig mit der Realität behinderter Menschen zu tun.»
In unserem Fall wollte die Mieterin mit ihrem «Tipp», einen anderen Rollstuhl zu erwägen, wohl ehrlich helfen. Doch ihr Wissen führte am Ende trotzdem zu einer Form der Diskriminierung – weil dieses falsche Wissen, dass es einen «normalen» Rollstuhl gibt, anstatt dass verschiedene Rollstühle für unterschiedliche Bedürfnisse ausgelegt und individuell angepasst sind – selbst auf einem diskriminierenden Fundament beruht.
Viele Menschen haben feste Vorstellungen davon, wie «Behinderung» angeblich aussieht: Wer einen Rollstuhl nutzt, kann nicht laufen. Wer Probleme mit den Augen hat, ist blind. Autist:innen sind Zahlengenies. Wer langsam und nicht artikuliert spricht, ist dumm. Diese Liste liesse sich endlos fortsetzen. Doch solche Bilder haben wenig mit der Realität behinderter Menschen zu tun.
Solche Situationen, in denen diese Art von Diskriminierung zum Tragen kommt, erleben wir Menschen mit Behinderungen ständig. Und die Summe dieser Erlebnisse macht es schwer, positiv zu bleiben.
Darum versuchen wir bewusst, uns nach solchen Momenten etwas Gutes zu tun – um das Erlebte besser zu verarbeiten und hinter uns zu lassen. Mitunter mit diesen Comics schaffen wir das.
Comicserie Wohnungssuche mit Behinderung
Der angespannte Wohnungsmarkt setzt viele unter Druck, für Menschen mit Behinderungen ist er kaum zumutbar. In der Comicserie Wohnungssuche mit Behinderung erzählen Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann alias Mynt von den Schwierigkeiten und Absurditäten, die sie bereits seit zwei Jahren erleben: Inserate, die Barrierefreiheit vortäuschen, Vermieter:innen, die vor Umbauten zurückschrecken, oder Planer:innen, die Menschen mit Behinderungen schlicht nicht mitdenken. Ihre Erfahrungen zeigen gravierende strukturelle Probleme, Diskriminierung und Ignoranz auf dem Wohnungsmarkt, aber auch Momente echter Solidarität.


