
Stell dir vor: Gestern hat dich deine Lieblingsperson noch aus der Badewanne gehievt. Mit hochrotem Kopf, halb im Spagat, kurz vor einem Hexenschuss. Oder du brauchst Hilfe beim Toilettengang und nein, keiner von euch hat einen Fetisch auf diesem Gebiet. Wäre eigentlich ganz schön praktisch, aber ihr steht eher so auf Klassiker. Und heute? Heute möchtest du dich am liebsten in ein Spitzenhöschen werfen und mit der Person die heissen Bridgertons Szenen nachspielen, natürlich von Staffel 1. Während du bereits dein Korsett schnürst und vor lauter Lust wahnsinnig wirst, fragt sie dich, ob die Missionarstellung bei dir bleibende Schäden hervorrufen könnte und wie man das Bild mit dem Toilettengang aus der Erinnerung schmeisst. Für unsere Leser:innen, die sich mit dieser Thematik nicht auskennen: Wenn deine Frau in den Presswehen liegt und dir jemand den Tipp gegeben hat, nicht runterzuschauen, hat das seine Gründe. Glaube mir, auch einige sehr moderne und aufgeklärte Männer haben das nie ganz verarbeiten können. Erotik muss manchmal vor der Realität geschützt werden.
Vom Partner zum Pfleger
Krankheit ist selten glamourös. Sie riecht nach Medikamenten und unschönen Dingen, zeigt sich durch Spitex Broschüren auf dem Küchentisch und versaut dir oft deine Pläne. Sie hat Termine und Einschränkungen und ist definitiv narzisstisch. Und sie hat zudem die unverschämte Eigenschaft, mitten ins Schlafzimmer zu platzen wenn man gerade versucht, sich als begehrenswertes göttliches Liebeswesen zu fühlen und nicht als halbe Baustelle.
«Wie verführerisch fühlt man sich, wenn dein:e Partner:in dich rückenschonend umlagert?»
Wie sexy ist es, wenn man weiss: Vor zwei Stunden hat er oder sie dir noch die Kompressionsstrümpfe angezogen? Wie verführerisch fühlt man sich, wenn dein:e Partner:in dich rückenschonend umlagert? Und welche Auswirkungen hat es auf deine:n Partner:in?
Manchmal fühlt sich die Liebe an wie eine Mischung aus Pflegeplan und Playboyfantasie. Das Gefährliche daran ist die Rollenverschiebung, vor allem dann, wenn aus Partner:innen Pflegende werden, aus Begehren Verantwortung wird und die Berührung nicht mehr Lust, sondern Sorge bereitet.
Das Umfeld sagt: «Du musst halt dankbar sein.» «Er oder sie leistet so viel.» «Sei froh, dass du so jemanden hast!» Dankbarkeit ist wichtig. Aber eine Beziehung sollte nicht zum Pflegevertrag mit gelegentlichen Kuscheleinheiten verkommen – ausser man möchte es so.
Professionelle Hilfe als Rettung der Intimität
Ich habe in meinen Jahren als erwachsene Frau gelernt: Erotik stirbt nicht wegen einer Behinderung. Sie stirbt aber an den damit verbundenen unausgesprochenen Gefühlen und auch ein wenig an der schonungslosen Realität. Oder manchmal auch, weil dein:e Partner:in dich schlicht und einfach nicht mehr sexy findet, nachdem er einige Szenen mitmachen musste. Als kleine Anekdote: Ich musste vor Jahren ein Medikament spritzen, Rheumis kennen es bestimmt, welches zu Schwindel, Haarausfall und heftiger Übelkeit führte. Es ist dasselbe Medikament, welches man bei Krebs einsetzen kann, einfach niedriger dosiert, mit dem Ziel, die Zellteilung zu verlangsamen. Irgendwann zeigten sich die Nebenwirkungen stärker als üblich. Sehr bildhaft, mehrfach wiederholend und schwallartig auf einer Autobahn in einem fahrenden Auto. Kurz darauf kam es zur Scheidung. Ich war eben nicht mehr das durchtrainierte sexy Wesen von damals, dass nur Augen für ihn hatte, wurde es mir erklärt.
In diesem Fall ist es ein Geschenk, dass er, nennen wir ihn Napoleon, so ehrlich war und ich ihn schnell loswurde, denn es gab da interessanterweise auch noch ganz andere Dinge, die er brauchte, um seine Defizite zu ignorieren. Zum Beispiel auf Datingplattformen die Körpergrösse um ein paar beträchtliche Zentimeter aufzurunden.
Zugegeben, ich lästere gerade ein wenig. Manchmal bin ich eine Hexe, aber dennoch mit dem klaren Bewusstsein, dass ich alles andere als perfekt bin und es total in Ordnung finde, als bekennende Philantropin, wenn jemand im Gegenzug über mich herzieht.
«Wenn professionelle Hände anpacken, kann dein Lieblingsmensch sich auch wieder auf andere Dinge konzentrieren.»
Zurück zum Thema.
Es gibt auch wundervolle Beziehungen, um die man unbedingt kämpfen sollte. Deshalb ist Hilfe annehmen niemals ein Versagen. Und schon gar keine Kapitulation. Unterstützung von aussen ist manchmal die Rettung der Intimität. Wenn professionelle Hände anpacken, kann dein Lieblingsmensch sich auch wieder auf andere Dinge konzentrieren und sich nicht mehr nur als Rettungsschwimmer in der Badewanne mit Bandscheibenvorfall fühlen.
Gleichgewicht entsteht nicht von selbst. Es braucht ehrliche und sehr unbequeme Gespräche mit Sätzen, wie: «Ich möchte nicht deine Pflegerin sein, ich möchte deine Frau sein.» Oder: «Ich brauche dich als Mann, nicht als medizinisches Hilfsmittel.» Krankheit verändert den Körper, die Psyche und garantiert auch die Beziehung. Aber sie darf nicht die komplette Dynamik definieren.
Vielleicht ist wahre Intimität in so einem Fall die geistige Flexibilität mit einem Schuss Humor und ein wenig Resilienz: die Fähigkeit, zwischen Badewannenhilfe und Begehren zu wechseln, ohne sich zu verlieren. Und vielleicht ist die mutigste Entscheidung nicht, alles alleine zu tragen, sondern sich Hilfe von aussen zu holen, damit man sich wieder anschauen kann als zwei Menschen, die in der Staffel 1 die Hauptdarsteller:innen verkörpert haben.
So wünsch ich euch nun wonnigliche Stunden in den Armen eurer Geliebten.




