Titelbild mit Schriftzug auf rotem Hintergrund: «Wohnungssuche mit Behinderung» und «Nr 7 - Gute Absichten bauen keine Rampe». In der Mitte eine Comiczeichnung von zwei Personen auf Wohnungsbesichtigung.

Das ist der siebte Teil der Comicserie, in der Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann alias Mynt über die Höhen und Tiefen ihrer zweijährigen Wohnungssuche erzählen. Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6 können hier nachgelesen werden.

1.	Comiczeichnung einer Aussenansicht eines Wohnblockes. Jasmin und Valentin sind auf Wohnungsbesichtigung. Jasmin nutzt einen Rollstuhl. Auf der Treppe kommt ein Mann – der Vermieter –runtergelaufen. Valentin begrüsst ihn: «Hallo, gibt es noch einen Zugang? Im Inserat stand EG, nicht Hochparterre.» 2.	Auf der letzten Treppenstufe sagt der Mann: «Grüezi.. Sie warte! Ich zeige dir.» Der Mann trägt eine Jogginghose, ein rotes T-Shirt, hat eine Glatze und trägt goldenen Schmuck.
3.	Er sieht Jasmin. In roter Schrift in seiner Sprechblase steht: «Was passiert??? War Unfall???» 4.	Jasmins Augen und Lippen sind gekurvt. In den Gedankenblasen steht: «Für was soll ich das jetzt schon wieder erzählen. Vielleicht kann ich ja etwas aufklären.» In der Sprechblase steht: «Nö, ist eine genetische Krankheit. Ehlers - danlos Syndrom, kurz EDS.»
1.	Nahansicht des Mannes. Er hat Tränenwasser in den Augen. Eine Träne kullert ihm aus dem Augenwinkel. Er sagt: «Verdammte Krankheit.» 2.	Jasmin ist es offensichtlich unwohl und sie weiss nicht mehr was sagen. Mit einem aufgesetzten Grinsen sagt Valentin: «Aber jetzt bin ich soooo gespannt auf die Wohnung.»
7.	Ein weiterer Mann kommt zur Wohnung hinausgelaufen zu den dreien und fragt: «Sind sie?» Der Mann im roten T-Shirt sagt schroff: «Ja, ich bin! Sie gehen einfach rein selber schauen, wir gehen Garten, zum Schauen weg. Ist kein Problem. Ich habe Haus gebaut.» Jasmin sagt verwirrt: «Ok?» 8.	Ansicht des Aussenbereiches des Wohnblockes. Eine steile Treppe ist sichtbar. Der Verwalter sagt: «Da nur paar Stufen. Man kann mit Rampe.»
9.	Jasmin und Valentin tauschen sich fragende Blicke aus. Valentin sagt: «Äähm, mmm, da? Aaber das wird etwas steil meinen sie nicht?»  10.	Nahansicht des Vermieters. Er grinst breit und sagt: «Mache steiler, Rollstuhl schafft schon.» Mit dem linken Arm zeigt er den Winkel an.»
11.	Ansicht der obersten Treppenstufe auf die drei. Der Comic zeigt, dass die Treppe sehr steil ist. Jasmin merkt an: «Also, wenn die Rampe so steil wäre wie die Treppe jetzt, fahre ich niemals da hoch, nie!» 12.	Der Mann gestikuliert gross mit seinen Armen: «Kein Problem!! Ich kann bauen. Ich gebe euch Wohnung. Ihr habt verdient.» Valentin sieht ihn fragend an. Oberhalb seines Kopfes sind drei grosse Fragezeichen zu sehen.
13.	Der Vermieter hat die Arme verschränkt, währenddessen Jasmin sagt: «Verdient?? Aber die Wohnung muss ja auch sonst passen und Rampen sind gefährlich, wenn sie zu steil sind.» 14.	Valentin fügt besorgt hinzu: «Aber im Ernst. Eine Rampe, die gut befahrbar wäre, müsste mindestens bis auf den ersten Parkplatz des Nachbarhauses gehen.» Dabei zeigt er mit seinem rechten Finger auf den Boden.
15.	Der Vermieter zuckt mit den Schultern und antwortet: «Kein Problem! Ich baue korrekte Rampe!» Das Wort Rampe ist extra gross geschrieben. Der Hintergrund sieht wie ein Heiligenschein. 16.	Nahansicht von Valentin und Jasmin. Ihre Gesichter sind etwas rot und die Augen Blutunterlaufen. Sie sagen: «Oookay…»
17.	Aussenansicht der Wohnung. Die drei stehen immer noch vor der steilen Treppe, die zur Terrasse führt. Eine weitere steile Treppe ist zu sehen, die zur Wohnung geht. Valentin sagt: «Ich glaube wir haben genug gesehen, da hat es ja auch noch Stufen!!» Der Vermieter antwortet: «Mach Rampe! Kein Problem!»

«Kein Problem» – nach diesem Motto lief die Wohnungsbesichtigung mit  einem Vermieter ab. Für ihn gab es scheinbar keine Probleme, sondern nur passende Lösungen. Grundsätzlich eine sympathische Haltung, die allerdings stark davon abhängt, wie realistisch man die Situation einschätzt.

Selbsteinschätzung entsteht mit Erfahrung. Sie wächst aus dem Alltag – aus dem, was man täglich erlebt. Da Menschen mit Behinderung in den meisten Lebensrealitäten der normativen Gesellschaft nicht vorkommen, ist auch eine gesunde Selbsteinschätzung im Umgang mit uns nicht leicht zu erlernen. So überschätzte der Vermieter wohl seine baulichen Fähigkeiten. Meine eigene Einschätzung – zumindest bei Rampen – ist dagegen ziemlich verlässlich.

Die Selbsteinschätzung von Menschen mit Behinderung ist meistens ganz gut. Das ist auch naheliegend, denn die meisten sind durch ihre Behinderung gezwungen, sich ihre Energie sorgfältig einzuteilen. So lernt man oft auf schmerzliche Weise, wo die eigenen Grenzen und Fähigkeiten liegen, oder was machbar ist und was nicht. Für mich war deshalb schnell klar, dass eine Rampe hier kaum umsetzbar wäre. Sie hätte so flach und lang sein müssen, dass sie den Zugangsweg zum Hauseingang komplett abgeschnitten hätte, vom Parkplatz des Nachbargrundstücks ganz zu schweigen.

«Und dann ist da auch immer die Frage aller Fragen: ‹Was ist passiert… oh jeh, war es ein Unfall?›. Aber ganz ehrlich, lasst es! »

Jasmin Polsini, Reporterin

Normalerweise sind wir diejenigen, die Vorschläge für bauliche Anpassungen machen. Dieses Mal war es umgekehrt. Wir besichtigten schliesslich die Wohnung. Dabei zeigten sich erhebliche Mängel bei Platz und Zugänglichkeit, die zusätzliche Schwierigkeiten bedeutet hätten. Der Vermieter bemühte sich sehr, uns alles zu zeigen – und liess dabei unsere Mitbewerber:innen fast links liegen. Das war gut gemeint, rückte uns aber auch etwas unfreiwillig in in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Und dann ist da auch immer die Frage aller Fragen: «Was ist passiert… oh jeh, war es ein Unfall?». Man ist wohl einfach neugierig und möchte vielleicht seine Anteilnahme äussern. Aber ganz ehrlich, lasst es! Fragt es zumindest nicht als ersten Satz nach dem «Hallo». Es ist ungefähr so, wie wenn man fragt: «Grüezi, ui, was tragen sie denn heute für Unterwäsche?».

Leider reagiere ich darauf nicht immer so souverän, wie ich es mir wünsche. Deswegen ufern meine Antworten oft in einem Vortrag über seltene Erbkrankheiten und Bindegewebs-Stoffwechselstörungen aus. Ihr wolltet es ja wissen. Aber im Ernst: Es ist eine Privatsache. Wer wirklich interessiert ist, kann man nach einem ersten Kennenlernen gerne fragen, ob man diese Frage stellen darf. So hat die betroffene Person immer noch die Möglichkeit, nein zu sagen.

Die ganze Episode endete so, dass wir dem Vermieter vorschlugen, die Machbarkeit der Rampen von der zuständigen Baudirektion prüfen zu lassen. Dafür wollte er uns die Grundrisspläne schicken. Er sandte zwar die Wohungsgrundrisse, nicht aber die für den Aussenbereich. Vielleicht verlor er das Interesse, vielleicht scheiterten wir an Sprachbarrieren. Jedenfalls brach der Kontakt trotz Nachfrage und später aufgrund unserer offiziellen Absage ab. Wir sahen die Wohnung danach noch monatelang im Netz ausgeschrieben.

Das Erlebnis zeigt, wie wichtig es ist, Menschen mit Behinderungen zuzuhören. Und selbst darüber Bescheid zu wissen, womit man sich wohlfühlt und was man sich zumuten will und kann.