
Das ist der siebte Teil der Comicserie, in der Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann alias Mynt über die Höhen und Tiefen ihrer zweijährigen Wohnungssuche erzählen. Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6 können hier nachgelesen werden.









«Kein Problem» – nach diesem Motto lief die Wohnungsbesichtigung mit einem Vermieter ab. Für ihn gab es scheinbar keine Probleme, sondern nur passende Lösungen. Grundsätzlich eine sympathische Haltung, die allerdings stark davon abhängt, wie realistisch man die Situation einschätzt.
Selbsteinschätzung entsteht mit Erfahrung. Sie wächst aus dem Alltag – aus dem, was man täglich erlebt. Da Menschen mit Behinderung in den meisten Lebensrealitäten der normativen Gesellschaft nicht vorkommen, ist auch eine gesunde Selbsteinschätzung im Umgang mit uns nicht leicht zu erlernen. So überschätzte der Vermieter wohl seine baulichen Fähigkeiten. Meine eigene Einschätzung – zumindest bei Rampen – ist dagegen ziemlich verlässlich.
Die Selbsteinschätzung von Menschen mit Behinderung ist meistens ganz gut. Das ist auch naheliegend, denn die meisten sind durch ihre Behinderung gezwungen, sich ihre Energie sorgfältig einzuteilen. So lernt man oft auf schmerzliche Weise, wo die eigenen Grenzen und Fähigkeiten liegen, oder was machbar ist und was nicht. Für mich war deshalb schnell klar, dass eine Rampe hier kaum umsetzbar wäre. Sie hätte so flach und lang sein müssen, dass sie den Zugangsweg zum Hauseingang komplett abgeschnitten hätte, vom Parkplatz des Nachbargrundstücks ganz zu schweigen.
«Und dann ist da auch immer die Frage aller Fragen: ‹Was ist passiert… oh jeh, war es ein Unfall?›. Aber ganz ehrlich, lasst es! »
Normalerweise sind wir diejenigen, die Vorschläge für bauliche Anpassungen machen. Dieses Mal war es umgekehrt. Wir besichtigten schliesslich die Wohnung. Dabei zeigten sich erhebliche Mängel bei Platz und Zugänglichkeit, die zusätzliche Schwierigkeiten bedeutet hätten. Der Vermieter bemühte sich sehr, uns alles zu zeigen – und liess dabei unsere Mitbewerber:innen fast links liegen. Das war gut gemeint, rückte uns aber auch etwas unfreiwillig in in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Und dann ist da auch immer die Frage aller Fragen: «Was ist passiert… oh jeh, war es ein Unfall?». Man ist wohl einfach neugierig und möchte vielleicht seine Anteilnahme äussern. Aber ganz ehrlich, lasst es! Fragt es zumindest nicht als ersten Satz nach dem «Hallo». Es ist ungefähr so, wie wenn man fragt: «Grüezi, ui, was tragen sie denn heute für Unterwäsche?».
Leider reagiere ich darauf nicht immer so souverän, wie ich es mir wünsche. Deswegen ufern meine Antworten oft in einem Vortrag über seltene Erbkrankheiten und Bindegewebs-Stoffwechselstörungen aus. Ihr wolltet es ja wissen. Aber im Ernst: Es ist eine Privatsache. Wer wirklich interessiert ist, kann man nach einem ersten Kennenlernen gerne fragen, ob man diese Frage stellen darf. So hat die betroffene Person immer noch die Möglichkeit, nein zu sagen.
Die ganze Episode endete so, dass wir dem Vermieter vorschlugen, die Machbarkeit der Rampen von der zuständigen Baudirektion prüfen zu lassen. Dafür wollte er uns die Grundrisspläne schicken. Er sandte zwar die Wohungsgrundrisse, nicht aber die für den Aussenbereich. Vielleicht verlor er das Interesse, vielleicht scheiterten wir an Sprachbarrieren. Jedenfalls brach der Kontakt trotz Nachfrage und später aufgrund unserer offiziellen Absage ab. Wir sahen die Wohnung danach noch monatelang im Netz ausgeschrieben.
Das Erlebnis zeigt, wie wichtig es ist, Menschen mit Behinderungen zuzuhören. Und selbst darüber Bescheid zu wissen, womit man sich wohlfühlt und was man sich zumuten will und kann.




