Als Titel steht: «Wohnungssuche mit Behinderung» mit dem Untertitel: «Nr. 9 - Wohnen mit Vorbehalt». Dazwischen ist eine Karte mit einem Comic. Links sitzt eine Frau mit roten Haaren im Rollstuhl mit einem Glace in der Hand. Auch sie ist im Stil des Comics gezeichnet.

Das ist die Fortsetzung von Teil 8 der Comicserie, in der Jasmin Polsini und Valentin Weilenmann alias Mynt über die Höhen und Tiefen ihrer zweijährigen Wohnungssuche erzählen. Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7 können hier nachgelesen werden.

1.	Comiczeichnung von zwei Männer, die am Tisch hocken. Im Hintergrund ein jüngerer Mann, mit eckiger Brille. Verlegen trinkt er aus der Tasse. Neben seinem Kopf steht der Schriftzug: «Sssssschlürff…» in einem Bogen geschrieben. Im Vordergrund ist ein älterer Herr, der Vermieter. Vor ihm liegen zwei Blätter Papier auf dem Tisch. Ein Schweisstropfen ist noch auf seinem kahlen Kopf. Er reibt sich mit der linken Hand das Kinn und sagt: «Öööh…ja..ähh..wir richten uns nach dem Mietspiegel hier… also…»
3.	Am Tisch hockt die Frau des Vermieters. Sie sagt: «Nein…also, wir haben auch Kosten…und.» Aus der Sprechblase kommen gelb schwarze Blitze. Der Vermieter ergänzt: «Äh..meine Frau hat schon recht. Also die Wohnung da drüben ist auch…äh..» Die Katze miaut immer noch. Jasmin und Valentin ist die Situation unangenehm. 4.	Die Katze springt auf den Tisch. Der Kaffee schwappt aus der Tasse über. Es steht: «Miuuu, klink, klirrr, klarr». Die Frau erschrickt, der Kaffeelöffel fällt ihr aus der Hand. Sie schreit: «Waa!!! Nimm die Katze weeeg!!»
5.	Jasmin ist erfreut: «Jöö! Ja grüezi du..», der Vermieter entschuldigt sich: «Oh..sorry äh.» Der Sohn kommt herbeigeeilt und hebt die Katze hoch: «Sofort Mami.. Ich hol einen Lappen.» Auf dem Tisch ist eine Kaffeepfütze. 6.	Der Sohn hat die Katze in der Hand. Die Mutter fährt streng fort: «Bitte, wir haben Gäste…Also, zurück zur Wohnung. Der Preis ist 2200.- warm. Wir haben hohe Kosten. Da ist kein Spielraum mehr. In einer weiteren Sprechblase steht: «Okay.»
7.	Ansicht von Valentin und Jasmin am Tisch. Valentin sagt: «Tja..dann geht es für uns nicht..» Jasmin fasst Valentin mit der rechten Hand am linken Arm und sagt: «Warte, wenn sie uns noch ein wenig Bedenkzeit geben, wägen wir alles noch einmal ab.» 8.	Nahansicht des Vermieters. Seine Wangen sind gerötet. In der Sprechblase steht: «Also, wir würden ihnen beiden die Wohnung gerne geben.» Rechts neben seinem Kopf mit schwarzer Schrift: «öhöhö…»
9.	Jasmin bedankt sich freundlich. Die Frau sagt: «Etwas muss ich jetzt doch noch fragen. Sind sie mit ihrem…» 10.	Nahansicht von dem Mund der Frau. Daraus kommen Speicheltropfen heraus. In der grossen Sprechblase steht: «Rollstuhl nicht eine Belästigung für die Nachbaren!!??» Die Wörter «Belästigung für die Nachbaren» sind in roter Schrift.
1.	Vorne in einem weissen Kästchen steht: «Stille.» Sowohl Valentin, Jasmin, der Vermieter und der Sohn mit der Katze schauen entgeistert drein. Ihre Augen sind weit aufgerissen und rot. Ganz gross steht: «Waas!?». Auch die Katze in den Armen des Sohnes schaut überrascht. Der Vermieter zerknüllt vor Überraschung seine Papiere. 2.	Die Frau hat eine abwehrende Haltung mit den Armen. Die Wangen sind gerötet. Sie verteidigt sich: «Was!? Kann ja sein. Wir sind ein ruhiges Haus!
1.	Der Sohn hält die Katze in den Armen. Sein Gesicht ist rot. Schweisstropfen laufen ihm von der Stirn. Er kratzt sich mit dem Zeigefinger am Kopf: «Mami..also, äähm ich fand den Rolli eher leise. Wie kommst du darauf??» Valentins Gesicht ist rot, sein Hals ist angespannt, man sieht die Halsschlagadern. Die Lippen gewellt. Er sagt: «Also…sie waren ja dabei, jetzt, bei der Besichtigung?! Was haben Sie denn mehr gehört? Unsere Schritte oder den Rolli??!»
1.	Die Frau hat die Lippen zusammengepresst und die Unterlippe vorgeschoben. Die Wangen sind gerötet. Ein Schweisstropfen ist in ihren Haaren. Darüber sind drei Fragezeichen. Sie stammelt: «Ööhh, ja, nein also, der Rolli war nicht laut oder so. Ich mein ja nur, mit dem Boden.» 2.	Ansicht von Jasmin. Sie ist enttäuscht. In ihrer Gedankenblase steht: «Ich will nur gehen. Hier sind wir nicht erwünscht.» Links von ihr ist der Arm des Vermieters noch zu sehen. Er sagt: «Also ich habe den Rolli nicht gehört.»
17.	Zeichnung einer verschütteten Kaffeetasse auf dem Tisch. Daneben ein Kaffeelöffel. Mit schwarzer Schrift steht: «Einige Wochen später» 18.	Auf dem Feldweg winkt Urs Jasmin und Valentin zu. In der linken Hand hält er sein Velo. Er ruft: «Hey, ihr zwei! Schade mit der Wohnung, hä». Jasmin antwortet: «Hey Urs! Ja. Naja!»
19.	Nahansicht von Urs. Er hat ein blaues T-Shirt und Latzhosen an und eine Brille mit kleinen runden Gläsern. Er sagt: «Ja schade, wir hätten euch gerne als Nachbaren gehabt. War der Preis zu hoch hä??» 20.	Jasmins Kopf ist zu sehen. Sie runzelt die Stirn. Sie antwortet: «Ja, also..die 2200.- sind einfach zu viel und ja, noch einiges anderes, was nicht passte.» In der Gedankenblase steht, dass sie lieber nichts wegen der «Belästigung» sagt. «Kein Bock auf Diskussionen über Ableismus.»
21.	Urs sagt: «Was?? Die Wohnung ist jetzt für 2800.- vermietet.» Jasmins und Valentins Kinnladen sind heruntergefallen. Diese sind sehr gross gezeichnet und ihre Augen sind gekräuselt wie Blumenkohl.

Die Besichtigung lief eigentlich gut. Bis die Eigentümerin fragte: «Sind sie mit ihrem Rollstuhl nicht eine Belästigung für die Nachbaren?»

Ich schwieg. Innerlich wusste ich sofort: Das ist nicht richtig. Hier möchte ich nicht wohnen. Mein Partner blieb ruhig: «Ein Rollstuhl ist sanfter als Schritte – das hat man doch gerade gehört, oder?» Dann ging es tatsächlich darum, ob die nicht vorhandenen Geräusche meines Rollstuhls den nachbarschaftlichen Frieden stören könnten. Zum Glück war die Eigentümerin mit ihrer These alleine.

Auch die anderen schienen erstaunt über ihre Feststellung, zumal sie selbst zugab, nichts gehört zu haben.

Wir verliessen die Besichtigung verwirrt, schockiert, wütend und traurig. War das gerade wirklich passiert? Und wie war es gemeint?

Wir rekapitulierten das Erlebnis immer wieder. Hatten wir etwas übersehen, uns falsch verhalten oder etwas überhört? Selbst wenn ein Rollstuhl, zum Beispiel auf altem Parkett, Lärm machen würde – was dann? Bei welcher Partei liegt die Verantwortung, das Problem zu lösen? Nach unserem Verständnis nicht bei der behinderten Person. Darf man sie deshalb abweisen?

Die Aussage, der Rollstuhl könne eine Belästigung darstellen, zeigt eigentlich nur eines: Anderssein wird aus negativer Perspektive betrachtet, das Problem bei der Person mit Behinderung verortet. Das Schlimmste dabei: Wohungssuchende müssen diese offene Diskriminierung hinnehmen, um überhaupt Chancen auf ein Zuhause zu haben.

Dieses Erlebnis hat uns dazu gebracht, diese Comicserie zu zeichnen. Wir teilen unsere Erfahrungen nicht, um Mitleid zu erregen. Sondern weil wir wissen, dass viele andere Ähnliches erleben. Wir möchten sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt – aus Scham und Schock über das Erlebte, oder aus Angst vor Repressionen. Vielleicht aber auch, weil man einfach nach vorne schauen und sich nicht länger mit Negativem beschäftigen will. Ich verstehe das nur zu gut. Trotzdem müssen wir diese Geschichten erzählen anstatt darüber zu schweigen. Denn Schweigen nützt dem Ableismus mehr als uns.

Viele Menschen mit Behinderungen erleben dasselbe. Und sie kämpfen – aber meist leise, weil sie ihre Kräfte oft für andere Kämpfe benötigen.

Wir brauchen dringend mehr Sichtbarkeit für diese Form der strukturellen Diskriminierung. Denn Inklusion muss dort beginnen, wo Menschen leben: in ihrem Zuhause.